Montag, 11.10.2010  

 


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Martinus-Musik:
06.01.2011 - 19.00 Uhr
Prof. Werner Lechte - Marcel Brenneke

 


Gregorianik

Die Historie des Gregorianischen Chorals

Die Entstehung und Entwicklung des gregorianischen Chorals liegt vor allem in zwei wichtigen historischen Ereignissen begründet:

1. Benedikt von Nursia (480 – 547) gründet um 529 den Orden der Benedikiner und begründet damit das abendländische MönchtumKarl der Große wird um 800 zum Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ gekrönt.

2. Karl der Große fördert die Musik und die Kunst und sorgt so für die Bildung. Er gründet Hofcapellen, versammelt bedeutende Wissenschaftler, Lehrer und Künstler am Hof und lässt Skriptorien einrichten. Der Bildungsstandard stützt sich auf die „Septes Artes Liberales“ der Antike (Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik).

Zu Beginn seiner Amtszeit lässt Karl der Große die römischen Kantoren nach Franken rufen, um die Liturgie und den Gesang zu vereinheitlichen. Der Gregorianische Choral ist also fränkisch-römischer Choral. Sein Hauptrepertoire entsteht zwischen 752 und 789. Dieser Choral ist das Ergebnis einer Hochblüte der Meditationskultur, deren Voraussetzung die abendländische Mönchskultur (begründet von Benedikt) der Karolingerzeit ist. Diese Gesänge sind eine liturgische Rhetorik, die allerdings voraussetzt, dass die Feiernden der lateinischen Sprache und also des Lesens und Schreibens mächtig sind.

Die Notation beginnt um das Jahr 800. Zunächst werden jedoch nur der Text, die Leseordnung und eine Katalogisierung des Repertoires vorgenommen. Am Anfang des 10. Jahrhunderts sind die ersten Handschriften mit Neumen dokumentiert. Diese Handschriften sind adiastematisch, notieren also nur agogisch feinste Details und keinen Melodieverlauf. Diese Handschriften sind vor allem aus der Schreibschule St. Gallen. Die Metzer Schreibschule (diastematische Handschriften) zeigen vor allem Melodieverläufe an, verlieren aber die agogischen Details fast völlig. Die Quadratnotation (ohne jede rhythmische Aussage) entsteht im 12./13. Jahrhundert.

Das im Jahre 1563 einberufene Konzil von Trient zieht eine Liturgiereform und damit eine Änderung der liturgischen Musik nach sich. Der Gregorianische Choral wird wieder eingeführt, weltliche Lieder werden aus der Liturgie verbannt. Gleichzeitig werden in radikaler Art und Weise die Sequenzen und Tropen reduziert (von über 1000 auf heute 5: Ostersequenz – Victimae paschali laudes, Pfingstsequenz – Veni Sancte Spiritus, Fronleichnamssequenz – Lauda Sion Salvatorem, Das Dies Irae und die Sequenz zum Fest der sieben Schmerzen Mariens – Stabat Mater dolorosa).

Die Schüler von Palestrina bringen im Auftrag von Gregor XIII. die „Editio Medicea“ heraus, die bis 1903 Gültigkeit besitzt. Während der Saekularisierung im Jahre 1803 werden zahlreiche Klöster aufgelöst. Hierdurch und durch zahlreiche Brände (auch in den Jahren davor) wurden zahlreiche wichtige Handschriften zerstört.

Das Jahr 1847 wird für den Gregorianischen Choral eines der wichtigsten: In der Medizinischen Fakultät der Universität von Montpellier wird der Codex Hartker (s. Bild) gefunden. Dieser ist ein Schulcodex für die Ausbildung von Kantoren mit Tonhöhennotation und französischen Neumen. Diese Handschrift wird zur maßgeblichen Quelle für die „Editio Vaticana“ (Graduale Triplex, Graduale Romanum). Sehr schnell wird klar, dass die authentischen Gregorianischen Gesänge kunstvoller und wertvoller sind, als bislang angenommen und durch die bis dahin gültige „Editio Medicea“ überlieferten.

Die Abtei Solesmes wird in der Folge zum Zentrum für die Restitution und Restauration des gregorianischen Chorals. Hier werden Handschriften gesammelt, sortiert und in der Reihe „Paleographie Musicale“ als Reprints veröffentlicht. Maßgeblich verantwortlich für diese Reihe war Dom Mocquerau, der auch das Solesmer Rhythmus-System eingeführt hat. Papst Pius X führte den Gregorianischen Choral 1903 wieder verbindlich und offiziell in die römische Liturgie ein. Er gründet eine Kommission, deren Vorsitzender Dom Pothier wurde, die an einer Neuausgabe der Gregorianischen Gesänge arbeitet. Gegen die Zustimmung dieser Kommission, die Forschungen von Jahrzehnten forderte, wurde das Graduale Romanum 1908 veröffentlicht. Dom Eugene Cardine, von 1952 – 1984 Professor für Paläographie und Semiologie am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik in Rom, überträgt als Erster Neumen in sein Graduale und notiert Beobachtungen, die bis heute für die Forschung von großem Interesse ist.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) brachte erneut eine Liturgiereform. In der Folge wurden das Graduale Romanum und das Graduale Triplex 1973/1974 hinsichtlich der Zuordnung der liturgischen Gesänge überarbeitet.
Gregorianische Kompendien

1905 Kyriale Romanum
1908 Graduale Romanum
1912 Antiphonale Romanum
1934 Antiphonale Monasticum
1973 Graduale Triplex
1988 Liber Hymnarius
Das Graduale Triplex

In diesem Buch ist das Graduale Romanum mit zusätzlich eingetragenen Neumen aus 2 mittelalterlichen Handschriften der Metzer und St. Galler Schreibschule enthalten. Es enthält alle für die Eucharistiefeier notwendigen Gesänge des Gregorianischen Chorals. Dabei wurden sieben Quellen herangezogen, die jeweils mit der Seiten- und Foliennummer neben dem Incipit des Gesanges angegeben sind. Dabei bedeutet:

L = Codex Laon; Staatsbibliothek 239, einzige Quelle mit Metzer Neumen, ca. 940
C = Cantatorium; St. Gallen, Stiftsbibliothek 259, enthält nur Solistengesänge, ca. 900
E = Codex Einsiedeln, St. Gallen, Stiftsbibliothek 121, ca. 965
G = Codex St. Gallen, Stiftsbibliothek 339, um 1030
SG = Codex St. Gallen, Stiftsbibliothek 376, 11. Jh.
H = Codex Hartker: St. Gallen, Stiftsbibliothek 290/391, Antiphonar mit Offiziumsantiphonen
B = Codex Bamberg, Staatsbibliothek Bamberg lit. 6, ca. 970

Die jeweils unter dem Modus angegebenen Buchstaben (maximal 6: M,R,B,C,K,S; desto mehr Buchstaben, in desto mehr Handschriften vorhanden, desto älter der Gesang) bestätigen, dass der Gesang im betreffenden Codex angegeben ist.

Der Aufbau: Propriumsgesänge der Sonn- und Festtage, sowie der Werktage im Kirchenjahr, beginnend mit Advent-, Weihnachts-, Fasten-, Osterzeit, Pfingsten, Jahreskreis, Heiligenfeste.

Daran schließt sich das Kyriale an. Dort enthalten sind: 18 Choralmessen, 6 Credo-Vertonungen, Requiem, Asperges, etc. (also Ordinariumsgesänge).